IVBV-Presseerklärung
Sie finden auf dieser Seite die Presseerklärung der IVBV vom März 2001zu einer an der Universitäts-Augenklinik Freiburg durchgeführten Studie zur Fixationsdisparation 2. Art (Disparate Korrespondenz). Zusätzlich haben Sie die Möglichkeit, sowohl die Original-Veröffentlichung als auch einige Reaktionen darauf zu lesen. Klicken sie dazu bitte hier.
Freiburger Studie bestätigt MKH-Beobachtungen zu alter
Fixationsdisparation
Zur Erinnerung
Unter Federführung von Prof. Dr.
Guntram Kommerell fand unlängst an der Universitäts-Augenklinik Freiburg eine
(zwischenzeitlich unter dem Titel "Ist die Feststellung einer
Fixationsdisparation mit der Mess- und Korrektionsmethodik nach H.-J. Haase verlässlich?"
veröffentlichte) Studie statt, bei der geprüft werden sollte, ob bei Personen,
bei denen nach der Theorie zur MKH eine alte Fixationsdisparation vorliegt, eine
Fixationsdisparation überhaupt nachzuweisen sei.
Dazu wurde mit einer speziellen
Messmethodik bei neun Versuchspersonen - bei denen nach bestimmten Kriterien am
Polatest eine prismatische Korrektion ermittelt worden war - untersucht, ob eine
Einstellbewegung des stellungsmäßig abweichenden Auges auftritt, wenn das
Fixierobjekt für das stellungsmäßige Führungsauge ausgeblendet wird.
Da das Ergebnis dieser Studie und
die daraus gezogenen Schlüsse zunehmend Verwirrung stiften und bereits zu
Fehlinterpretationen geführt haben, sieht sich die IVBV (Internationale
Vereinigung für Binokulare Vollkorrektion) zu folgender Klarstellung
veranlasst.
Die Theorie zur MKH
Nach der Theorie zur MKH kann das
visuelle System auf eine vorhandene Winkelfehlsichtigkeit in unterschiedlicher
Weise reagieren, und zwar durch:
1. Motorische Kompensation
2. Sensorische Anpassung in Form
von junger Fixationsdisparation
3. Sensorische Anpassung in Form
von alter Fixationsdisparation
Ob diese Reaktionsanteile einzeln
oder in irgendeiner Kombination auftreten, hängt von der Größe der
Winkelfehlsichtigkeit, dem Alter der betroffenen Person und von der Anforderung
ab, die von der jeweils momentanen Sehaufgabe an das visuelle System gestellt
wird. Ebenso kann die Winkelgröße der einzelnen Reaktionsanteile von diesen
Komponenten abhängig sein.
Junge Fixationsdisparation umfasst
Fixationsdisparation erster Art (FD I) sowie die erste und zweite Unterart von
Fixationsdisparation zweiter Art (FD II/1-2).
Alte Fixationsdisparation ist
stets eine Fixationsdisparation zweiter Art ab der dritten Unterart (FD II/3-6).
Der wesentliche Unterschied
zwischen FD I und FD II besteht darin, dass bei FD I (disparate Fusion) noch
alle Netzhautstellen ihre ursprünglichen Richtungswerte besitzen, während bei
FD II (disparate Korrespondenz) eine Korrespondenzänderung stattgefunden hat,
bei der im stellungsmäßig abweichenden Auge eine Netzhautstelle außerhalb der
Foveamitte, aber noch innerhalb des (möglicherweise erweiterten) zentralen
Panumbereiches im Binokularsehen den Richtungswert "Geradeaus" angenommen hat.
Diese disparate Korrespondenz kann nur solange aktiv sein, wie binokulare
Sehbedingungen vorliegen.
Der wesentliche Unterschied
zwischen den beiden Reaktionsanteilen "junge FD" und "alte FD" besteht darin,
dass bei junger FD durch die Anforderung, welche an den Stereopsis-Testen der
MKH an das visuelle System gestellt wird, eine motorische Nachfusion ausgelöst
wird, während dies bei alter FD nicht mehr erfolgt. Demnach bleibt - zumindest
unter MKH-Testbedingungen - das disparate Korrespondenzzentrum bei
unkorrigierter Winkelfehlsichtigkeit mit alter FD stets aktiv.
Junge Fixationsdisparation wird an
folgenden MKH-Testen erkannt, gemessen und korrigiert:
-
am Kreuztest (eventuell vorhandene Anteile von FD I),
-
an den FD-Testen Zeigertest, Doppelzeigertest und Hakentest
(eventuell vorhandene Anteile von FD II/1),
-
am Stereo-Dreiecktest (eventuell vorhandene Anteile von FD II/2).
Alte Fixationsdisparation wird
ausschließlich an folgenden MKH-Testen erkannt, gemessen und korrigiert:
-
am Valenztest und/oder an den differenzierten Stereotesten
(eventuell vorhandene Anteile von FD II/3-6).
Sofern (mit dem
Kreuztest-Nullstellungsprisma) ab dem Zeigertest prismatisch korrigiert wird,
handelt es sich um FD zweiter Art.
Sofern (mit Nullstellungsprisma für
Kreuz-, Zeiger-, Doppelzeiger-, Haken- und Stereo-Dreiecktest) ab dem Valenztest
prismatisch korrigiert wird, handelt es sich um alte FD.
Zum Ergebnis der Freiburger
Studie
Die Freiburger Studie bezog sich
ausschließlich auf Versuchspersonen, bei denen auch am Valenztest prismatisch
korrigiert wurde. Sofern es sich dabei um Fixationsdisparationen handelte und
nicht um Mikrostrabismen - was bei der Auswahl der Versuchspersonen offenbar
nicht geklärt wurde - lag jeweils alte Fixationsdisparation vor.
Bei dem Freiburger Experiment erfolgte ein dort so genannter "einseitiger Abdecktest", bei dem allerdings nicht - wie sonst üblich - ein Auge vollständig zugedeckt wurde, sondern es wurde nur das Fixierobjekt für das stellungsmäßige Führungsauge im Testfeld ausgeblendet. Im Gegensatz zum konventionellen Zudecktest (Covertest) bestanden also weiterhin binokulare Sehbedingungen. Das Bild des Fixationspunktes im stellungsmäßig abweichenden Auge lag im weiterhin aktiven erworbenen Korrespondenzzentrum dieser Netzhaut mit dem Richtungswert "Geradeaus". Eine Einstellbewegung, mit der das Bild des Fixationspunktes in die Foveamitte verlagert würde, war deshalb gar nicht zu erwarten und trat folgerichtig in diesem Experiment auch nicht auf.
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Die Ergebnisse der jüngsten
Freiburger Studie entsprechen somit der Beobachtung an den MKH-Testen, dass bei
alter FD unter binokularen Sehbedingungen keine Rückschaltung des
Richtungswertes "Geradeaus" auf die Foveamitte erfolgt. |
Anmerkung
Aufgrund von kritischen Hinweisen führte die Freiburger Arbeitsgruppe bei zwei der Versuchspersonen nachträglich auch den konventionellen Zudecktest durch. Auch dabei konnte keine Einstellbewegung beobachtet werden. Dafür gibt es zur Zeit verschiedene Erklärungsansätze. Zum einen könnte eine Ursache in der Art der Versuchsanordnung liegen, zum anderen wird neuerdings die Frage aufgeworfen, ob bei alter Fixationsdisparation im Zudecktest überhaupt die gleiche Reaktion zu erwarten ist wie bei einem Mikrostrabismus ohne exzentrische Fixation.
| 2. Februar 2001 |
Wissenschaftlicher Beirat der IVBV |