Infos für Ratsuchende


Hier finden Sie Antworten auf  Fragen, die häufig von Personen gestellt werden, denen unsere Arbeit noch neu ist. Die Antworten sollen für Nichtfachleute verständlich sein. Fachleute mögen uns bitte die dazu notwendigen Vereinfachungen nachsehen. Einen Überblick über das Thema erhalten Sie, wenn Sie die Fragen und Antworten auf dieser Seite einmal komplett in der bestehenden Reihenfolge lesen..

Frage:
Was bedeutet der Begriff 'Binokulare Vollkorrektion' im Namen dieser Vereinigung?

Antwort:
Der Begriff Vollkorrektion wird in der Optometrie für den vollständigen Ausgleich einer Fehlsichtigkeit, also z.B. einer Kurzsichtigkeit (Myopie) oder einer Übersichtigkeit (Hyperopie) verwendet. Die binokulare  Vollkorrektion gleicht ebenfalls eine Fehlsichtigkeit aus, nämlich die Winkelfehlsichtigkeit (assoziierte Heterophorie). Bei binokularer Vollkorrektion wird das Angeblickte ohne Anstrengung auf der 'Leinwand' - also der Netzhaut - beider Augen an derjenigen Stelle abgebildet, welche die höchste Wahrnehmungsqualität ermöglicht.

Frage:
Was ist eine Winkelfehlsichtigkeit?

Antwort:
Wenn das beidäugige Sehen perfekt funktionieren soll, dann müssen sich beide Augen genau auf das jeweils angeblickte Objekt ausrichten. Dies ist auch winkelfehlsichtigen Menschen möglich, sie müssen dazu jedoch die komfortabelste Stellung beider Augen zueinander verlassen, salopp gesagt müssen sie ihre Sehachsen zum richtigen Sehen erst 'ausrichten'. Sie vermeiden dadurch Doppeltsehen, müssen dafür aber ihre Augenmuskeln ständig zusätzlich anstrengen.

Frage:
Ist 'Winkelfehlsichtigkeit' ein eingeführter Fachbegriff?

Antwort:
In der optometrischen Fachsprache ist die Bezeichnung 'Winkelfehlsichtigkeit' seit dem Jahr 1993 eingeführt. Sie hat sich seither als sehr gut verständlich erwiesen, wenn es darum geht betroffene Personen zu beraten. Dies entspricht der Erfahrung, dass einfache und anschauliche Bezeichnungen (z.B. Kurzsichtigkeit für Myopie, grauer Star für Katarakt) die Verständigung mit dem Klienten/Patienten wesentlich erleichtern. In die medizinische Fachsprache hat die Bezeichnung 'Winkelfehlsichtigkeit' bisher dennoch keinen Eingang gefunden.
Nach dem 'Wörterbuch der Optometrie' haben die Bezeichnungen 'Winkelfehlsichtigkeit' und 'assoziierte Heterophorie' die gleiche Bedeutung. Somit können beide Bezeichnungen wahlweise verwendet werden.
Da in der internationalen Fachsprache die Bezeichnung 'assoziierte Heterophorie' eher eingeführt ist, mag deren Verwendung in der wissenschaftlichen Diskussion - insbesondere wenn diese sprachenübergreifend geführt werden soll - eine Erleichterung darstellen.

Frage:
Ab welchem Lebensalter spielt Winkelfehlsichtigkeit eine Rolle?

Antwort:
Die Redewendung 'Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr' trifft in besonderem Maß auf den Prozess des Sehenlernens zu. Deshalb kann die Koordinierung der Augenbewegungen und der Ausrichtung beider Augen zueinander gar nicht früh genug überprüft werden. Insbesondere Schulkinder sind oft durch eine nicht korrigierte Winkelfehlsichtigkeit im Lernprozess beeinträchtigt. Eltern winkelfehlsichtiger Kinder klicken für genauere Informationen bitte
hier. Einen zwar subjektiven, aber doch beeindruckenden persönlichen Erfahrungsbericht finden Sie hier.

Frage:
Wie wird eine Winkelfehlsichtigkeit festgestellt?

Antwort:
Mit Hilfe eines Messgerätes, das den Reiz zum 'Ausrichten' der Sehachsen reduziert. Der Untersucher kann damit ermitteln, in welche Richtung die Sehachsen sich bewegen, wenn sie nicht mehr durch das visuelle System 'ausgerichtet' werden. Die Mitglieder der IVBV gehen dabei nach einer festgelegten Methodik vor, der Mess- und Korrektionsmethodik nach H.-J. Haase (kurz: MKH).

Frage:
Ist das überhaupt eine sinnvolle Messung, wenn dabei Reize reduziert werden, die beim normalen Sehen stets da sind? Man sieht doch dabei bestimmt anders als natürlicherweise!

Antwort:
Der Reiz zum 'Ausrichten' der Sehachsen wird bei der Arbeit mit dem dabei verwendeten Gerät nicht vollkommen aufgehoben, sondern nur so weit verringert wie unbedingt nötig. Dadurch bleiben die Sehbedingungen während der Messung möglichst natürlich. Das Messergebnis ist ein Zahlenwert für die zur Korrektion der Winkelfehlsichtigkeit erforderlichen Prismen. Die Erfahrungen der vergangenen 40 Jahre zeigen, dass Prismenbrillen mit auf diese Weise ermittelten Werten in aller Regel zu einer spürbaren Entlastung und in vielen Fällen auch zu einer deutlichen Sehverbesserung führen.

Es gibt übrigens ältere Messmethoden, bei denen der Reiz zum 'Ausrichten' der Sehachsen vollständig aufgehoben wird. Das Messergebnis unter solch unnatürlichen Sehbedingungen kann dann ein anderer Zahlenwert für die Prismen sein, der häufig unverträglich ist.

Frage:
Ist Winkelfehlsichtigkeit eine Augenkrankheit?

Antwort:
Nein, Winkelfehlsichtigkeit ist keine Krankheit, sie ist lediglich eine Abweichung vom idealen Körperbau. So wie ein zu kurzes Bein keine heilbare Krankheit ist, sondern lediglich mit einer dicken Sohle unter dem Schuh ausgeglichen wird, kann auch eine Winkelfehlsichtigkeit nicht geheilt werden, sondern sie wird mit einer speziellen Brille, einer so genannten Prismenbrille, ausgeglichen. Die Abweichung ist in beiden Fällen nur so lange 'behoben', wie das Korrektionsmittel - Schuh bzw. Brille - getragen wird.

Frage:
Was bewirkt eine Prismenbrille bei Winkelfehlsichtigen?

Antwort:
Sie entlastet winkelfehlsichtige Menschen von dem für die Augenmuskeln anstrengenden 'Ausrichten' der Sehachsen. Die Augen können ihre anstrengungsärmste Stellung zueinander einnehmen und die Prismenbrille bewirkt, dass die Bilder im Auge dennoch auf die 'richtigen' Stellen treffen, also auf die Stellen mit der höchsten Wahrnehmungsqualität.

Frage:
Wenn mit Prismenbrille die Sehachsen nicht mehr 'ausgerichtet' werden, dann dürfen die Augen hinter der Prismenbrille also schief stehen? Sieht das dann nicht aus, als würde der Mensch schielen?

Antwort:
Es ist richtig, dass die Augen bei den selten vorkommenden großen Winkelfehlsichtigkeiten hinter der Brille zu schielen scheinen. Der entscheidende Unterschied zum tatsächlichen Schielen besteht aber darin, dass mit der Prismenbrille eine ideale Abbildung des Gesehenen in beide Augen erfolgt, nämlich in beiden Augen exakt auf die Stelle mit der höchsten Bildqualität. Beim wirklich schielenden Menschen ist genau dies nicht der Fall. Bei ihm liegen die Bilder in den beiden Augen auf qualitativ so unterschiedlichen Netzhautstellen, dass ein Verschmelzen beider Bilder zu einem einzelnen Seheindruck nicht möglich ist. Fazit: Winkelfehlsichtige mit Prismenbrille scheinen zwar zu schielen (jedoch nur, falls die Prismen sehr stark sind), haben aber in ihrer anstrengungsärmsten Augenstellung ein ideales beidäugiges Sehen.

Frage:
Wie häufig sind Winkelfehlsichtigkeiten?

Antwort:
Die meisten Menschen sind winkelfehlsichtig, empfinden ihr Sehen aber dennoch als ungestört und haben auch kein sonstiges Anstrengungsgefühl. In diesen Fällen ist das Tragen einer Prismenbrille nicht erforderlich, obwohl es natürlich auch in diesen Fällen eine objektive Entlastung zur Folge hätte.

Frage:
Welche Folgen kann es haben, wenn trotz Winkelfehlsichtigkeit keine Prismenbrille getragen wird?

Antwort:
Wenn keine Prismenbrille getragen wird, wird die Steuerung der Augen versuchen, ob das Sehen auch ohne perfektes 'Ausrichten' der Sehachsen funktioniert. Und es funktioniert bis zu einer gewissen Abweichung tatsächlich weiterhin, allerdings nur mit verminderter Qualität. Da die meisten Menschen winkelfehlsichtig sind, sie aber keine Prismenbrille tragen, hat ihr beidäugiges Sehen nicht die bestmögliche Qualität. Solange sie dies bei der täglichen Arbeit nicht beeinträchtigt, werden sie ihr Sehen als 'gut genug' empfinden.

Frage:
Sollte jeder Winkelfehlsichtige eine Prismenbrille tragen, auch wenn er sein Sehen als 'gut genug' empfindet?

Antwort:
Nein, der überwiegende Teil der Mitglieder der IVBV ist nicht dieser Meinung. Sie klären ihre Klient(inn)en/Patient(inn)en über die fachlichen Zusammenhänge auf. Die Entscheidung zur Prismenbrille sollte dann stets von der betroffenen Person ausgehen.